Spaltung kann nicht das Ziel sein in unserem Land

Rede, 12. September 2021: Zentralfest Schweizerischer Studentenverein; Bundesrätin Karin Keller-Sutter - es gilt das gesprochene Wort

Geschätzte Damen und Herren

Ich freue mich sehr, heute hier in Einsiedeln zu sein. Es ist ein starkes Symbol, dass wieder ein Zentralfest stattfinden kann! Letztes Jahr habe ich ja mein "Heimspiel" in Wil leider verpassen müssen. Gut, aber als StV-erin und StV-er ist man natürlich überall zu Hause, wenn ein Zentralfest stattfindet!

Anderen – und gerade auch Andersdenkenden – das Gehör zu schenken, auf sie einzugehen und gemeinsam Lösungen zu finden: Dies ist ein zentraler Wert für das Funktionieren unseres Landes. Die Schweizerische Eidgenossenschaft "fördert die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung, den inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes", heisst es in unserer Bundesverfassung (Art. 2 Abs. 2). Die Pflege der kulturellen Vielfalt und des inneren Zusammenhalts ist also ein verfassungsmässiger Auftrag. Wenn wir beispielsweise den Brückenschlag zwischen den Sprachgemeinschaften fördern, stärken wir auch den inneren Zusammenhalt der Schweiz. Denn nationale Kohäsion ist ohne gegenseitige Verständigung und ohne "Vielfalt in der Einheit" (BV Präambel) nicht zu haben.

Liebe Couleurbrüder und -Schwestern, cette idée d’unité dans la diversité est ancrée dans notre Constitution. Il est inscrit dans son préambule que le peuple et les cantons suisses sont "déterminés à vivre ensemble leurs diversités, dans le respect de l’autre et l’équité". Au sein de la Société des Etudiants Suisses, c’est bien plus qu’une idée. Depuis sa fondation, la SES vit cette diversité. Elle incarne cette idée. Quelle autre organisation est depuis plus d’un siècle et demi, capable de cultiver la science, l’amitié, la vertu entre des étudiants de Saint-Maurice, Lucerne, Genève ou Wil ? Agaunia, Semper Fidelis, Salevia, Abattia Wilensis: autant de noms qui raisonnent comme autant de symboles de cette diversité.

La comprensione reciproca e la coesione interna del nostro Paese andrebbero intese in senso ampio. Per me, il fondamento è rappresentato dalla varietà che contraddistingue la Svizzera attuale: quella delle comunità linguistiche e delle culture, degli spazi sociali ed economici, ma anche quella delle dicotomie tra città e campagna oppure tra giovani e anziani. In questo contesto, la comprensione reciproca non è un obiettivo fine a sé stesso, bensì costituisce la base per la coesione delle regioni, delle comunità linguistiche, delle culture o della società nel suo insieme.

Vielfalt ist natürlich auch anstrengend, komplex und kostet den Staat auch mal etwas Geld. Vielfalt bedingt eine ständige Auseinandersetzung und den Ausgleich der Interessen. Das gelingt nur, wenn man Differenzen mit Respekt gegenüber anderen Meinungen austrägt und wenn man bereit ist, dabei nicht nur die andere, sondern auch die eigene Position zu hinterfragen. Wer sich täglich direkt begegnet, pflegt in der Regel einen anständigen Umgang, und nimmt sein Gegenüber auch ernst. Es ist keine gute Entwicklung, wenn Politiker Probleme zuhanden ihrer jeweiligen Klientel bewirtschaften, anstatt konstruktive Lösungsvorschläge zu machen. Das schliesst eine lebendige, manchmal harte Debatte nicht aus. Aber wir sollten diese in einem friedlichen Rahmen und mit fairen Spielregeln austragen. Auch politische Gegner sollten einander niemals feindlich gesinnt sein.

Genau diese Fähigkeit hat der Schweizerische Studentenverein in seiner Geschichte bewiesen. Die schon 1841 in Schwyz gegründete Organisation ist einer der ältesten Vereine der Schweiz. In der Gründungsperiode des Bundesstaates spielte er eine wichtige nationalpolitische Einigungsrolle. Diese machte ihn zum Sammelpunkt der katholisch-konservativen Studenten und Akademiker.

Die Stimmung in der katholisch-konservativen Schweiz war nach der Niederlage im Sonderbundskrieg von 1847 vorerst von Resignation und Misstrauen geprägt. Führende Politiker des Sonderbundes waren entweder ins Ausland geflüchtet oder hatten sich vom gesamtschweizerischen Leben weitgehend zurückzogen. Diese "Altkonservativen" hatten nur noch wenige Prioritäten: die Absicherung ihrer verbliebenen Refugien in den katholischen Kantonen und eine strikte Oppositionshaltung gegenüber dem freisinnigen Bundesstaat. Die jungen Studenten aus dem konservativen Lager gingen hingegen anders mit den neuen politischen Realitäten um. Der katholisch-konservative Studentenverein akzeptierte den modernen Bundesstaat und versöhnte den Katholizismus mit der liberalen Schweiz von 1848. Er integrierte die Katholiken und er half ab 1891, als der ehemalige Zentralpräsident Joseph Zemp zum ersten katholisch-konservativen Bundesrat gewählt wurde, die Schweiz von heute mitzugestalten.

Es waren also Mitglieder des Schweizerischen Studentenvereins, die sich unbelastet vom "altkonservativen" Widerstandsgeist, auf den Boden der neuen Bundesverfassung stellten und um die Aussöhnung mit dem freisinnigen Bundesstaat bemüht waren. Das alles ging natürlich nicht nur harmonisch vor sich. Da standen ganz verschiedene Visionen der Schweiz einander gegenüber. Auch verschiedene Gesellschaftsbilder. Aber diese Kämpfe blieben politischer Natur. Man beschimpfte sich vielleicht hie und da. Aber letztlich hatten das liberale und das konservative Lager das gleiche Ziel: Unser Land mitzugestalten.

Es stimmt: Natürlich wurde das bedeutende Werk von 1848, unsere Bundesverfassung, von liberalen Kräften entworfen, wie es Rolf Holenstein im Buch "Stunde Null" eindrücklich und anschaulich beschreibt. Dieser Stolz auf liberaler Seite ist ihr nicht zu nehmen. Für das konservative Lager ging es hingegen darum, das Beste aus der Situation zu machen, für die eigenen Werte einzustehen und sich auf politischer Ebene einzubringen. Das jährliche "Zentralfest" förderte nicht nur den Zusammenhalt unter den Schweizer Katholiken, es half in den Reihen der "Sonderbunds-Verlierer" auch mit, ein Bewusstsein innerhalb des Bundesstaates zu entwickeln. "Wie keine andere katholisch-konservative Organisation trug der StV im 19. Jahrhundert dazu bei, den konservativen Katholizismus und den liberalen Nationalstaat einander näher zu bringen", schreibt Urs Altermatt, vulgo Solo. Er hat die beiden bemerkenswerten Bücher über die Geschichte des StV verfasst.

Les luttes politiques ont parfois été féroces, jusque dans les familles. La politique n’est pas devenue consensuelle non plus. Mais au moment de la naissance de notre pays moderne, dans le sillage de la guerre du Sonderbund, choisir de façonner le pays ensemble n’avait rien de "selbstverständlich". Il y avait des forces obscures qui auraient volontiers soufflées sur les braises. Cependant la voie de la sagesse l’a emporté. La culture du dialogue et le respect des institutions ont heureusement pris le dessus.

Es ist dieser Beitrag des StV an unsere gemeinsame Geschichte, der mich schon immer fasziniert hat. Diese Fähigkeit, die damalige Minderheit zu organisieren, sie zum Leben zu erwecken und den Austausch zu pflegen. Die Schweiz mitzugestalten im Sinne der "Vielfalt in der Einheit". Es ist darum für mich eine grosse Ehre, Anfang 2020 in Ihre Familie, in die "Abbatia Wilensis", aufgenommen worden zu sein. Seit März 2020 tragen mein Mann und ich die Abbaterfarben der Abbatia Wilensis, mein Mann mit Vulgo Skalpell und ich mit Vulgo Courage. Nachdem ich als Mittelschülerin verbotenerweise quasi Mitglied in einer reinen Männerverbindung war, bin ich froh um die Legalisierung meines Status. Als Vorsteherin des EJPD macht sich das besser.

Aber zurück zum StV: Dieses Näherbringen hat der schweizerischen Eidgenossenschaft gut getan und zu einem konstruktiven Miteinander geführt. Der Liberalismus und das Christentum sind nämlich nicht Gegner, sondern letztlich zwei Partner, die untrennbar miteinander verbunden sind, "pour le meilleur et pour le pire", wie in allen Liebes- ….oder Vernunftheiraten!

Die modernen westlichen Demokratien sehen sich als Verwirklichung bestimmter liberaler Grundwerte, die in der europäischen Aufklärung formuliert wurden. Doch die Aufklärung fing in ihrem Denken nicht bei null an, sondern griff auf einen vom Christentum vermittelten Vernunftbegriff und das vom Christentum vermittelte Menschenbild zurück. Es ist daher kein Zufall, dass die Aufklärung und der moderne Rationalismus ihren Ursprung im christlichen Europa haben. Gleiches gilt für den Individualismus: der europäische Individualismus entstand im Spätmittelalter, er griff auf christliche Werte zurück. Die liberalen Grundwerte haben also durchaus auch christliche Wurzeln.

Als liberale Politikerin ist "Die Regel des heiligen Benedikt" für mich ein wichtiger Leitfaden. Gerade hier in Einsiedeln, dem Ort der Benediktinermönche, macht es Sinn, an die Kraft dieses Werks und an die 73 Kapitel zu erinnern.

Was fasziniert mich an dieser Schrift aus dem 6. Jahrhundert?

Zum einen die "Selbstdisziplin" des monastischen Lebens. Dies lässt sich gut auf mein Regierungsamt übertragen. Wer führt, muss sich auch selber führen.
Zum anderen fasziniert mich die Grundhaltung von Demut und Gelassenheit. In meiner Rolle stehe ich oft vor schwierigen Entscheidungen. Die Rückbesinnung auf das eigentlich Wichtige im Leben ermöglicht mir die nötige innere Distanz. Demut und Gelassenheit sind wichtige Begleiter meiner Arbeit. Beide Eigenschaften sind nicht ein für alle Mal erworben. An beiden muss man täglich arbeiten.

Nur wer eigene Überzeugungen hat, kann sich auch mit anderen Meinungen glaubwürdig auseinandersetzen. Wer sich mit eigenen Projekten überidentifiziert, kommt nicht weit, verliert zu viel Kraft und Energie und ist nicht kompromissfähig. Gespräch und Respekt sind deshalb zentral. Wer Lösungen zum Durchbruch verhelfen will, muss andere einbinden und sie wertschätzen. Der Anstand im Umgang sollte immer gewahrt bleiben. Und der inhaltliche Konsens ist eigentlich breit, wenn man ihn denn auch suchen will. Die Diskussions- und Konsenskultur in der schweizerischen Politik existiert allen Unkenrufen zum Trotz. Vielleicht spürt man sie am besten, wenn die Scheinwerfer ausgeschaltet sind.

Loin de moi l’idée de dire que c’était mieux avant, mais il est essentiel de continuer à cultiver cette culture politique. Je dis volontairement cultiver, car rien n’est définitivement acquis. J’ai pu le constater lors de débats sur des sujets de votations parfois émotionnels. En bientôt trois ans de présence au sein du Conseil fédéral, la votation sur le "mariage pour tous" est la huitième que je défends au nom du Conseil fédéral. Il est évident que le climat se durcit. Que les attaques deviennent personnelles. Et que la place pour les nuances se réduit.

Comme je vous le disais : je ne dis pas que c’était mieux avant. Par contre, oui, il est essentiel de retrouver une forme de dialogue qui ne transforme pas le débat politique en une simple guerre des tranchées. La démocratie c’est aussi l’art de changer d’avis en écoutant l’autre. Ecoute. Dialogue. Echange. Autant de valeurs que le StV cultive à merveille !

Die Herausforderungen der Zukunft meistern wir nicht, indem wir einen neuen Kulturkampf heraufbeschwören. Wir können sie nur gemeinsam bewältigen. Es mag zwar politisch attraktiv sein, sich vom Gegner abzugrenzen. Und es ist einfacher, sich selber Recht zu geben als dem anderen. Aber Spaltung kann nicht das Ziel sein in diesem Land. Spaltung steht im Widerspruch zu dem, was die Schweiz ist, auf die wir zu Recht stolz sind.

Es geht darum, Spaltung und Blockaden zu überwinden und gemeinsam neue Wege zu finden. Zusammen. Als "Vielfalt in der Einheit".

Vivat, crescat, floreat Schweizer StV!

Ich danke für die Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen schönen Abschluss Ihres Festes.

Letzte Änderung 12.09.2021

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