"Wir rechnen mit 26 000 Asylgesuchen bis Ende Jahr!"

Schlagwörter: Asylunterkunft

Interviews, SEM, 27.06.2013. Blick, Irène Harnischberg

Blick: "Der Chef der obersten Vollzugsbehörde räumt Fehler in Bettwil AG ein und will die Bevölkerung von Anfang an mit einbeziehen."

Herr Gattiker, warum haben Menschen eigentlich Angst vor einem Asylzentrum in ihrem Dorf oder ihrem Quartier?
In der Regel ist es Skepsis gegenüber dem Unbekannten.

Sobald irgendwo eine Asylunterkunft aufgehen soll, gibt es Widerstand!
Das stimmt so nicht, wir machen überwiegend positive Erfahrungen. Die Behörden von Châtillon FR und Les Pradières NE kamen kürzlich sogar auf uns zu. Sie wollen den Betrieb der Asylunterkunft verlängern.

Beispiele wie Bettwil AG oder Laax GR zeigen, dass es schwierig ist.
Natürlich gibt es auch solche Beispiele. In Bettwil haben wir damals den Behörden und der Bevölkerung zu wenig Vorlaufzeit eingeräumt. Es ist zentral, dass sie von Anfang an in die Planung einbezogen werden. Daraus haben wir gelernt und gehen nun behutsamer vor. Zudem geben wir der Bevölkerung die Gelegenheit, in einer Begleitgruppe ihre Anliegen einzubringen.

Das ist alles?
Wichtig ist, sich nicht in der Verwaltung zu verschanzen, sondern zu den Menschen rauszugehen und ihre Anliegen ernst zu nehmen.

In der Stadt Zürich hat sich bereits Widerstand gegen das Testzentrum formiert.
Im Grossraum Zürich gibt es eigentlich kein grösseres Bauprojekt, das nicht umstritten wäre – siehe auch das Fussballstadion. Ich bin froh, dass wir jetzt eine Übergangslösung gefunden haben, die den Testbetrieb auf Anfang 2014 ermöglicht.

Am 9. Juni hat das Volk auch der Abschaffung der Botschaftsgesuche zugestimmt. Wie viele sind eigentlich noch hängig?
Zurzeit gibt es noch 11 000 hängige Botschaftsgesuche, die nach altem Recht behandelt werden. Bis Ende 2014 werden diese abgearbeitet sein.

Und wo sind die Gesuche der Iraker, die in der Ära von Bundesrat Christoph Blocher nicht registriert und entsprechend nicht behandelt wurden?
Der Grossteil der rund 6000 Gesuche ist bearbeitet. Zurzeit sind davon noch rund 650 Gesuche hängig.

Im Mai ist die Zahl der Asylgesuche gegenüber dem Vormonat um 20 Prozent gesunken. Geht es so weiter?
Im Moment kann man noch nicht von einem Trend sprechen. Angesichts der schwierigen Lage in Syrien, den Ländern des Arabischen Frühlings und aufgrund der Wirtschaftskrise in Europa ist es schwierig, Prognosen zu machen. Wir rechnen bis Ende Jahr mit rund 26 000 Asylgesuchen.

Letzte Woche war der nigerianische Staatssekretär des Aussenministeriums bei Ihnen. Die Migrationspartnerschaft soll intensiviert werden. Wozu?
Nigeria gehört seit Jahren zu den wichtigsten Herkunftsländern von Asylsuchenden, und praktisch alle diese Gesuche sind unbegründet. Drei Viertel sind zudem Dublin-Fälle. Wir sind uns mit den nigerianischen Behörden darin einig, dass abgewiesene Asylsuchende rasch ausreisen oder in Würde zurückgeführt werden sollen.

Was heisst das?
Wir führen in unseren Bundeszentren ein beschleunigtes Asylverfahren durch. Nigerianer werden in der Regel nicht mehr auf die Kantone verteilt. Über die Gesuche soll innerhalb von 20 Tagen entschieden werden. Bei Bedarf können wir zudem mehr Sonderflüge für die Rückführung einsetzen, und nigerianische Delegationen unterstützen uns bei der Identifizierung von Asylsuchenden ohne Ausweispapiere.

Was ist mit der Rückkehrhilfe?
Künftig gibt es für abgewiesene Asylsuchende aus Nigeria nur noch Rückkehrhilfe, wenn sie sich in den ersten drei Monaten ihres Aufenthaltes hier beim Programm anmelden, und sofern sie freiwillig ausreisen. Ist jemand kriminell, gibt es natürlich keine Hilfe.

Wie ist es, den undankbarsten Job der Schweiz zu haben?
Undankbar ist diese Aufgabe auf gar keinen Fall. Migration bewegt die Menschen sehr. Hier an gesellschaftsverträglichen Lösungen mitzuarbeiten, ist eine sehr vielseitige Aufgabe.

Wie gehen Sie mit Anfeindungen um?
Es ist klar, dass es für diesen Job eine dicke Haut, aber auch viel Sensibilität braucht.

nach oben Letzte Änderung 27.06.2013